Liv hockt auf Leifs altem Platz an der ersten Mole. Sie hat mich noch nicht gesehen, blickt in Richtung der ruhigen Nordsee, die hell in der Frühlingssonne glitzert. Für Menschen, die sie nicht kennen, ist an ihrer Pose nichts Außergewöhnliches und auch im `Klit´ hat niemand etwas bemerkt. Aber ich spüre, wie angespannt und verstört sie nach wie vor ist. Die Trennung von Mikkel setzt ihr mehr zu, als sie selbst erwartet hat. Auch wenn sie diese Tatsache bestens zu überspielen versteht. Sogar Helene ist nichts aufgefallen, als sie am letzten Wochenende mit Frerk endlich mal wieder im `Klit´ zu Gast war. Ich habe sie nicht eingeweiht. Das steht mir nicht zu. Doch ich weiß, dass Liv sich sorgt, ob sie weiterhin in Helenes alter Kate wohnen bleiben kann. Derzeit hat sie nicht mal ein Auto, so dass Olav und ich schon mehrfach eingesprungen sind, um den kleinen Peder zu seinem Fußballtraining zu fahren. Mikkel lässt sich nur selten blicken. Ob es daran liegt, dass Liv seine Gegenwart nicht erträgt oder ob er sich, wie in der Vergangenheit, in die Arbeit gestürzt hat? Seine Eltern dagegen holen Peder regelmäßig ab und verbringen viel Zeit mit ihrem Enkel. Aber ein Gespräch mit den beiden über die derzeitige Situation hat Liv stets abgelehnt.
Ich ziehe meine Klotschen aus und stapfe weiter durch den kühlen Sand in Richtung Wellensaum. Der heutige Tag verspricht warm zu werden. Zum ersten Mal in diesem Jahr bin ich ohne Jacke unterwegs und genieße die Sonnenstrahlen auf der Haut. Beschwingt und voller Energie laufe ich meiner besten Freundin entgegen, die immer noch gedankenverloren dort auf den Steinen sitzt und zusammenzuckt, als ich sie gutgelaunt begrüße.